Wenn ich mich dazu entschließe, in meinem Forex-BLOG etwas zum Freitod eines Menschen zu schreiben, dann nur deswegen, weil ich zutiefst erschüttert bin! Zunächst einmal möchte ich klar stellen, daß ich mein Mitgefühl gegenüber den Familienmitgliedern und Freunden ausdrücken möchte. Was geht wohl in einem Menschen vor, wenn er den Tod dem Leben vorzieht und dann auch noch so viel Mut aufbringt, sich vor einen fahrenden Zug zu werfen?

Was mich dann allerdings noch viel mehr beschäftigt, ist der Medienzirkus und das sentimentale Theater, welches um den Tod dieses Menschen veranstaltet wird. Die FAZ vom Sonntag berichtet von der größten Trauerfeier seit dem Tod Konrad Adenauers. Das Fernsehen überträgt auf 5 Kanälen live und sogar Gerhard Schröder wird erwartet, und Klamaukbruder Oliver Pocher weint öffentlich!  Das Fernsehen inszeniert sich einmal mehr als die Zusammenfassung des kleinsten gemeinsamen Nenners: der schlechte Geschmack! Und zu dem offensichtlich vorhandenen Selbstdarstellungsinteresse des ehemaligen Medienkanzlers muss ich wohl hier nichts schreiben. Na, sind denn hier alle völlig verrückt geworden?

Wer berichtet eigentlich darüber, was den Zugführern, welche die Todeszüge steuern, regelmäßig angetan wird? Es war immerhin der Freitod eines Menschen, der sich dafür entschied, selbst aus dem Leben zu scheiden, und nicht etwa ein unabwendbarer Schicksalsschlag. Und dann kommen nun mehr als 100.000 Menschen zusammen und zelebrieren gemeinschaftlich die mediale Trauerfeier.

Diese Feier der Sentimentalität läßt sich aus meinen Augen, am besten mit den Ausführungen von Erich Fromm beschreiben. Dieser beschreibt die Irrungen des menschlichen Geistes schon in den 70er Jahren recht umfangreich. Und zwar geht es hier um seine Definition von Sentimentalität in seinem Werk 'Haben oder Sein' im Zeitalter der ökologischen Krise.

Sentimantalität, sagt Fromm "ist ein Gefühl unter der Voraussetzung völliger Distanziertheit.....Jeder Mensch fühlt, es sei denn, er wäre psychisch schwer erkrankt. Wenn er aber so distanziert, zurückgezogen, unbezogen ist..., dann ergibt sich für die Gefühle eine sehr eigenartige Situation. Man fühlt zwar, aber man ist nicht wirklich und konkret auf etwas bezogen. Eben dann ist man sentimental. Die Gefühle quellen über und treten irgendwo in Erscheinung...sentimentale Menschen vermitteln den Eindruck, ziemlich distanziert, zurückgezogen und ohne reale Beziehung auf etwas Bestimmtes zu sein, und gleichzeitig findet man bei ihnen diese Gfühlsausbrüche. Sie treten bei Filmen, bei Fussballspielen oder anderen Gelegenheiten auf, wo sich dann plötzlich eine große Emotion, eine große Erregung oder eine starke Reaktion zeigt, die sich wie Freude oder wie Trauer in den Gesichtern gebärdet, und doch ist der Gesichtsausdruck bei näherem Hinsehen zugleich leer. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Freude, die jemand auf Grund einer Bezogenheit zeigt, und der sentimentalen Freude, bei der jemand auf Grund einer bestimmten Situation in seinem Gefühl von Freude irgendwie gerührt wird, denn dieser Mensch ist von jedem und allem völlig distanziert und fühlt nicht wirklich."

Und so erklärt dieser famose Vordenker schon vor Jahrzenten, wie unbezogen und distanziert diese trauernde Gesellschaft doch ist.

Mein herzliches Beileid!

Oliver Andrees